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Körperliche, psychische und soziale Bedürfnisse als Einheit sehen
Dr. Saskia Otte ist neue Chefärztin für Geriatrie und Physikalische Medizin im Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg und erklärt im Interview, was in der Behandlung älterer Menschen besonders wichtig ist.
Frau Dr. Otte, was liegt Ihnen in der Betreuung älterer Menschen besonders am Herzen?
Das wichtigste Anliegen ist für mich, geriatrische Patientinnen und Patienten als Ganzes zu sehen – mit ihren körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnissen. Viele kommen nach einem Sturz, einer Operation oder akuten Erkrankung zu uns. Ziel ist es, ihre Selbstständigkeit wiederherzustellen und zu sichern. Dafür arbeiten wir interdisziplinär: Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte, das therapeutische Team und der Sozialdienst entwickeln gemeinsam individuelle Behandlungsziele, die weit über die reine medizinische Versorgung hinausgehen.
Mobilität, Gebrechlichkeit und Polypharmazie zählen zu den zentralen Themen der Geriatrie. Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen im klinischen Alltag?
Mobilität ist der Schlüssel zu Lebensqualität. Wir fördern sie vom ersten Tag der Aufnahme an, mit gezielten physiotherapeutischen und ergotherapeutischen Übungen. Gebrechlichkeit – wir sprechen von Frailty – erkennen wir früh, um Gegenmaßnahmen einzuleiten, etwa Krafttraining oder Ernährungsunterstützung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Arzneimittelüberprüfung: Viele ältere Menschen nehmen gleichzeitig fünf oder mehr Medikamente ein. Wir prüfen regelmäßig, was wirklich notwendig ist, und versuchen, unnötige oder riskante Kombinationen zu vermeiden. Das steigert nicht nur die Sicherheit, sondern oft auch das Wohlbefinden.
Welchen Stellenwert hat die Ernährung in der geriatrischen Behandlung – gerade im Hinblick auf Mangelernährung?
Einen sehr hohen. Mangelernährung wird oft unterschätzt, hat aber gravierende Auswirkungen auf Genesung, Muskelkraft und Immunsystem. Wir erfassen den Ernährungszustand systematisch und arbeiten mit unserem Ernährungsteam an individuellen Plänen. Das kann von proteinreicher Kost über Trinknahrung bis zu ergänzender Beratung für Angehörige reichen. Ziel ist, dass ältere Menschen nach dem Klinikaufenthalt nicht nur körperlich stabil, sondern auch gestärkt in ihren Alltag zurückkehren.